von Renate Lück
Der Vorstand von „Nachbarn in Not“ hatte die Aktiven der Hilfsorganisation und die Unterstützer aus Stadt und Landkreis in die Musikschule eingeladen, um „dankbar zurückzuschauen und unseren Spendern, Spenderinnen und Unterstützern zu danken für ihre Treue und Rückendeckung“, so der Vorsitzende Jürgen Haar in seinem Rückblick.
Auch Carmen Bühl, seine Stellvertreterin, hatte bei der Begrüßung gesagt: „Wir feiern nicht unseren Verein – das haben wir noch nie gemacht – sondern all die Menschen, die den Verein tragen. Denn ohne ihr Vertrauen wäre unsere Arbeit nicht möglich.“ Die relativ kleine Anzahl der Gäste begründete sie so: „Es wurden die Ehrenamtlichen eingeladen, die schon lange dabei sind.“ Schön an dem Ort war, dass die Leiterin der SMTT, Klarinettistin Maria Wunder, und Posaunist Walter Melcher für wunderbare Musik sorgten.
Jürgen Haar reflektierte die Anfänge: „Dr. Roswitha Seidel, Heide Müller und Felicitas Röntgen begannen 1983, älteren Frauen mit kleiner Rente zu Weihnachten eine kleine Freude zu machen. Dabei wurde den drei Freundinnen deutlich, dass es in der angeblich reichsten Stadt Deutschlands auch reale wie versteckte Armut gibt, wenn eine Rente gerade so zum Leben reicht. Es konnte also nicht bei einer Geste zu Weihnachten bleiben.“ Im Verleger der Sindelfinger Zeitung, Werner Röhm, und Chefredakteur Winfried Holtmann fanden sie Verbündete, die es ebenfalls als ihre Aufgabe ansahen, Menschen in Not zu helfen. 1986 gründeten diese fünf „Pioniere“, wie Haar sie nennt, und weitere Mitstreiter den Verein „Nachbarn in Not“ mit dem Ziel, bedürftige Menschen zu unterstützen, wenn staatliche Stellen und karikative Institutionen nicht mehr helfen können. „Das gilt bis heute. Und noch etwas gilt unverändert: Wir sehen unsere Unterstützung als Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn Familien oder Einzelpersonen dank unserer finanziellen Hilfe wieder auf die Beine kommen, sind wir glücklich.“ Bernd Dürr, Bürgermeister von Bondorf, schrieb im Namen der Bürgermeister im Kreis Böblingen: „Danke für die wichtige Arbeit, die nun schon 40 Jahre segensreich für viele Menschen im Kreis wirkt.“
Wie sich die Wirkung entfaltete, erläuterte Haar anhand von Zahlen: „1995 erhielten wir rund 67.000 Euro Spenden. Im Rekordjahr 2022 waren es sagenhafte 333.000 Euro inklusive über 30.000 Euro aus der Aktion Energiesparprämie, die über hundert Menschen, die nicht darauf angewiesen waren, mitmachten. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass wir in einer solidarischen Stadtgesellschaft leben.“ Von 2001 bis 2025 erhielt der Verein 4,85 Millionen Euro und zahlte 4,5 Millionen aus, wo bei es sieben Jahre gab, in denen mehr ausgegeben wurde als hereinkam, wie Finanzvorstand Peter Heinkele zusammenrechnete. Und das mit einer Geschäftsführerin und vielen Ehrenamtlichen sowie breiter Unterstützung quer durch alle Bevölkerungsschichten von der Rentnerin zu Firmen, Stiftungen, Vereinen und Dauerspendern. Jürgen Haar dankte für die unkomplizierte Zusammenarbeit den Stadtwerken, dem Amt für soziale Dienste, der Stadt Sindelfingen für Geld aus der Hummel-Stiftung und allen Ämtern und Behörden, mit denen der Verein zu tun hat sowie Menschen, die spontan ihr Handy zücken und namhafte Beträge überweisen.
Um die Gründe für Anträge der Sozialarbeiterinnen und die Motivation der Helfer zu erfragen, bat Haar den jetzigen SZBZ-Verleger Dr. Christian Röhm auf die Bühne, Betina Hartig von der Diakonie, Gabriele Iser vom Familienunternehmen Wintec-Autoglas, den früheren Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer und den jüngsten IBM-Direktor Salvatore Romeo. Dr. Christian Röhm, der den NiN-Bazillus von seinen Großeltern und seinem Vater erbte, sagte: „Die Themen sind unglaublich wichtig. Die Stadtgesellschaft funktioniert nur, wenn wir als Zeitung dazu beitragen, Schicksale, die aus dem Gleis geraten sind, zu beleuchten und positive Ausblicke zu gewährleisten. Betina Hartig, die seit 25 Jahren mit Armut konfrontiert wird, weist auf das Sonntagsessen im Winter, bei dem rund hundert Menschen warmes Essen genießen. „Es kommen immer mehr Klienten zu uns, an den Tafelläden werden die Schlangen so lang, dass Eintrittszeiten verordnet werden müssen und jedes Jahr verschenken wir 100 Schulranzen an bedürftige Familien.“ Hier berichtete Haar, dass der NiN-Vorstand Stadtgutscheine an Kunden der Tafelläden in Sindelfingen und Böblingen verteilt hatte und gerührt über die Dankbarkeit der Beschenkten war.
Dr. Vöhringer bescheinigte dem Verein, dass der Begriff „Nachbarn in Not“ eine hervorragende Gründungsidee war, dass man sich um seinen Nachbarn kümmert. Er dankte für das großartige Engagement. Salvatore Romeo, der in Sindelfingen aufgewachsen ist, will sich trotz häufiger Auslandsreisen lokal engagieren und mit neuen Projekten im Internet NiN auch für Jüngere attraktiv machen. Die Frage an Betina Hartig, ob im Ablauf der Anträge etwas zu verbessern sei, antwortete sie, dass es gut laufe: „Es ist für uns viel wert, dass Sie uns vertrauen und ohne Hürden das Geld überweisen und die Menschen glücklich machen.“ Die anderen Gesprächspartner versicherten, dass sie am Ball bleiben, um das gesellschaftliche Leben in der Stadt zu stärken.



